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StabiCheck der Leitung „Herkunft“ / „Quellen des Lebens“: Deutsche Nachkriegs- und Familiengeschichte auf 600 Seiten bzw. in 3 Stunden

Okt 17 2020



Von uns für Sie gelesen: „Herkunft“ / „Quellen des Lebens“: Deutsche Nachkriegs- und Familiengeschichte auf 600 Seiten bzw. in 3 Stunden. Die Leiterin der Stadtbibliothek, Marion Überschaer, empfiehlt uns heute ein Buch und die passende Verfilmung gleich dazu.










Titel: Herkunft
Medium: Buch
Autor: Oskar Roehler
Genre: Roman
Umfang: 592 Seiten
Herausgeber: Ullstein










Titel: Quellen des Lebens
Medium: Film
Regie: Oskar Roehler
Hauptdarsteller: Jürgen Vogel, Meret Becker, Moritz Bleibtreu
Genre: Comedy
Dauer: 2 Std. 53 Min.
Jahr: 2012
FSK: 12

Titel:

„Herkunft“ / „Quellen des Lebens“: Deutsche Nachkriegs- und Familiengeschichte auf 600 Seiten bzw. in 3 Stunden.


Der Roman:


Normalerweise lese ich keine langen Romane mehr. Irgendwann schwindet mein Durchhaltevermögen, denn die Geschichte langweilt mich oder ich blicke bei der Vielzahl an Charakteren nicht mehr durch. Umso größer war meine Überraschung darüber, wie schnell ich den fast 600-seitigen Roman „Herkunft“ von Oskar Roehler (Signatur Roman Familie Roeh) verschlungen habe. Roehler, Jahrgang 1959, ist als Regisseur, z. B. von „Der alte Affe Angst“ und „Elementarteilchen“, bekannt. „Herkunft“ ist stark autobiographisch geprägt, obwohl Namen geändert bzw. abgekürzt wurden. Es ist aus der Sicht von Robert Freytag (das Alter Ego Oskar Roehlers) geschrieben und umfasst drei Generationen Familiengeschichte.



Der Roman beginnt 1949 mit der Rückkehr seines Großvaters Erich aus der russischen Kriegsgefangenschaft. Sein Opa war ein Nazi und hat seine Familie lange nicht gesehen. Bei seiner Rückkehr findet er einen dritten Sohn vor. Er kann sich nicht daran erinnern, ihn gezeugt zu haben. Seine Frau Elli lebt mit seiner verhassten Schwester zusammen und hat ein Liebesverhältnis mit ihr. Der Großvater traut sich erst nicht ins Haus, doch der älteste Sohn Rolf (Roberts Vater) vermittelt. Erich wirft seine Schwester raus, Elli flüchtet später zu ihr, kommt aber wieder zur Familie zurück. Erich nimmt sich einer verlassenen Fabrik an und fertigt Gartenzwerge, sein Sohn hilft mit. Im Wirtschaftswunder kommt die Familie zu Erfolg und bescheidenem Wohlstand. Rolf möchte Schriftsteller werden und lernt die junge Nora kennen, die aus reichem Elternhaus stammt und als Schriftstellerin bald mehr Erfolg hat als ihr Freund. Die amour fou (in der Realität zwischen Klaus Roehler und Gisela Elsner, Mitglieder der Gruppe 47) wird zur Ehe als Nora schwanger ist – erneut ein Sohn, der einem Vater untergeschoben wird, denn wie sich später herausstellt, ist Rolf nicht der Erzeuger. Nora ist in Wien fremdgegangen und hat vergeblich versucht, das Kind zu verlieren. Aber nun ist Robert da und beide Eltern kümmern sich kaum um ihn, drehen sich nur um sich selbst. Es berührt einen sehr, von der Vernachlässigung des Kindes und den harten Auseinandersetzungen zwischen den Eltern zu lesen. Die Mutter verlässt die Familie bald, Robert lebt daraufhin zunächst bei seinem Vater, der als Lektor arbeitet, Verbindungen zur RAF hat, wechselnde Liebschaften unterhält und seinem Sohn nur vorgekochte Eintöpfe und kalte Milch vorsetzt. Die Großeltern väterlicherseits nehmen ihn zu sich in das Haus auf dem Land, das sie zwischenzeitlich gebaut haben. Für Robert beginnt eine kurze, idyllische Zeit. Nebenan wohnt eine Familie mit einem äußerst glücklichen Ehepaar und einer kleinen Tochter, Laura. Robert und Laura freunden sich an, verlieren sich aber zunächst aus den Augen, als Robert zu seinem Vater zurück muss und daraufhin zu den Großeltern mütterlicherseits kommt. Später wird er aufs Internat abgeschoben. In der Pubertät wechselt er vom Strebertum zur Rebellion, sprüht Graffiti an die Wände der Villa, in der er mit seinen Großeltern und einer jungen Tante, für die er schwärmt, lebt. Die Freundschaft zu Laura vertieft sich zur ersten, großen Liebe, die jedoch damit endet, dass Robert sich entscheidet, nach Berlin zu ziehen. Großvater Erich spendet seiner Frau eine Niere und überlebt dies kaum, sie bleiben jedoch zusammen bis ans Lebensende. Damit endet 1983 der Roman.



„Herkunft“ ist nicht nur eine berührende Geschichte über die Verbindungen zwischen Menschen, ihre Konflikte, die Liebe in ihren mannigfaltigen Formen, das schwere Erbe, das Familie mit sich bringt. „Herkunft“ ist auch ein episches Panorama über die deutsche Nachkriegsgeschichte über mehr als drei Jahrzehnte. Die Sprache Roehlers ist klar und doch poetisch, voll starker Bilder und Emotionen, immer mit einer Prise Humor, um die Schwere mancher Erlebnisse auszugleichen.



Der Film:



Wer sich nicht mit 600 Seiten Text beschäftigen möchte, kann die Verfilmung sehen: Als „Quellen des Lebens“ (Signatur DVD Spielfilm Que) hat Roehler selbst seinen Roman „Herkunft“ verfilmt. Der Film ist fast 3 Stunden lang, fühlt sich aber nicht so an, sondern fesselt von Beginn an. Er wird chronologisch erzählt und orientiert sich stark am Roman, erlaubt sich allerdings auch ein paar Anpassungen. Der Film gewinnt gegenüber dem Roman durch die Einbindung zeitgenössischer Musik, die Emotionen und das jeweilige Zeitgefühl verstärken, z. B. mit den Songs „I‘d love you to want me“ und „Dust in the wind“. In der Rolle der konsequent selbstbezogenen und hysterischen Nora brilliert Lavinia Wilson. Deutlich einprägsamer als im Roman tritt die überdrehte Großmutter auf, sie wird großartig von Margarita Broich dargestellt. Neben den Hauptrollen (Jürgen Vogel als Großvater, Moritz Bleibtreu als Vater) sind die Schauspieler*innen bis in die Nebenrollen hinein sehr passend ausgewählt. Die Stimmung der Orte und Jahreszeiten, insbesondere der endlosen, nostalgisch verklärten Sommer, wird stark eingefangen.


Mein Fazit:



Der Roman, für den es (bisher) leider keine Fortsetzung gibt, wird in Roehlers Filmen „Tod den Hippies!! Es lebe der Punk“ (Roehlers Leben im West-Berlin der 80er-Jahre, Signatur DVD Spielfilm Tod) und „Die Unberührbare“ (die letzten Jahre seiner Mutter) fortgeführt, auch diese seien an dieser Stelle empfohlen. So kann man ein ganzes Wochenende mit der Lebens- und Familiengeschichte von Oskar Roehler verbringen, die niemals langweilig wird und einen mit vielen Gefühlen und eigenen Erinnerungen zurücklässt.



Marion Überschaer

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